Google begräbt H.264 (im Internet)

Und das meine ich genau so provokativ wie es dort in der Überschrift steht. Wie sie das machen/gemacht haben und warum das gut ist folgt in den nächsten Absätzen. Ich werde nicht auf technische Details eingehen und manches geschriebene wird dem ein oder anderen sauer aufstoßen, schlicht falsch sein, oder nicht alle Seiten der Geschichte gleichmäßig beleuchten. Auch ein wenig Polemik ist sicher dabei. Lasst eurem Ärger freien Lauf und verbessert mich wo ihr nur könnt. Aber vor allem: Informiert euch, nicht nur hier, sondern auch an anderer Stelle.

Worum geht es?

Das Web, bzw. die Seiten darin sind (zum Großteil) in HTML geschrieben, eine Auszeichnungssprache, die Text so verpackt, dass er von z.B. Browsern formatiert dem Nutzer präsentiert werden kann. Der Standard bisher dafür ist HTML Version 4. An der neuen Version dieses Standards in Version 5 wird zur Zeit gearbeitet, sie ist aber auch schon in einigen Browsern integriert und kann dort genutzt werden. Ein Bestandteil, den HTML4 bisher vermissen ließ ist das Darstellen von Audio und Video ohne den Zwischenschritt über den Flash-Player. So werden mit HTML5 Videos direkt in Webseiten einbettbar sein, und ohne zusätzliches Plugin abspielbar werden. Für diesen Zweck braucht es einen (oder auch mehrere) Video-Codecs, die in einen Browser integriert sein müssen, damit dieser das Video abspielen kann.

Der Stein des Anstoßes: H.264/MPEG-4 AVC

H.264 ist ein Video-Codec. Ein sehr effizienter noch dazu. Eingesetzt wird er in vielen Bereichen, zum Beispiel ist er einer der drei erlaubten Video-Codecs für Blu-ray-Discs und für das aussenden über DVB ist er seit 2004 ebenfalls zugelassen. Apple als ein großer Verfechter dieses Codecs verwendet ihn für alle aktuellen Plattformen, speziell in Safari und Safari-Mobile, also den Standard-Browsern auf Mac und iOS-Devices. Aber auch Microsoft und Google integrieren ihn im Internet Explorer bzw. Chrome.

Unbeliebt macht diesen Codec allerdings der Umstand, dass man unter bestimmten Umständen Abgaben dafür zahlen muss, will man ihn verwenden. Gerade für Hersteller quelloffener Browser, wie das Paradebeispiel Firefox eine kaum zu überwindende Hürde. Das Geld dafür könnte man sicher aufbringen (sogar Microsoft hat sich da als ein Art Sponsor angeboten und ein H.264 Plugin für Firefox unter Windows veröffentlicht), die Implementierung von H.264 würde sich allerdings arg mit der Philosophie, die hinter Firefox steht, beißen.

Jetzt mag mancher, der sich mit dem Thema am Rande schonmal beschäftigt hat, sagen: "Aber H.264 ist doch jetzt Lizenzkostenfrei."

Das ist soweit auch richtig, die MPEG LA (die Firma die sich um das Eintreiben von Lizenzgeldern für den Großteil der MPEG-Codecs kümmert) hat gesagt, dass H.264 bis zum Ende der Laufzeit der aktuellen Lizenz kostenfrei für die Benutzung im Web bleibt. Was die wenigsten wissen: Diese Lizenz kann alle fünf Jahre geändert/erneuert werden (siehe AVC/H.264 FAQ). Zudem gilt dies wie gesagt nur für freies Internet Video, nicht aber für De-/ und Encoder und auch nicht für Inhalte für die der Endkunde Geld zahlt.

Das mag mancher nicht als so kritisches Problem sehen, aber für das Netz als freies Informationsmedium ist ein mit Patenten hinterfütterter Codec wie H.264 alles andere als nützlich, vielleicht sogar schädlich.

Das Begräbnis

Google hat im Mai letztes Jahr dem Netz einen neuen freien Codec "geschenkt". WebM. WebM soll als der Videocodec für das Netz in Browsern, Settop-Boxen, eigentlich allem das ans Internet angeschlossen werden kann verfügbar gemacht werden um Video direkt und ohne die zu Hilfenahme von Flash abgespielt werden. Der entscheidende Vorteil an WebM? Der Codec ist frei (BSD-Style), und wird es auch bleiben. Das heißt jeder, der möchte kann Inhalte (egal ob kostenlose oder zu bezahlende), De- und Encoder, Hardware (wie Settop-Boxen und Kühlschränke) in der Welt verbreiten ohne das jemand dafür Geld verlangt oder verlangen wird.

WebM ist bisher in Google Chrome (bzw. Chromium), Firefox 4 (zur Zeit in der Betaphase), Opera (ab 10.60) und sogar im Internet Explorer (ab Version 9) implementiert. Die Liste der Unterstützer ist angenehm lang, und mit einigen Big-Playern des Internets das wir heute kennen gespickt. Zusätzlich hat Adobe angekündigt, dass auch Flash WebM als Video-Codec implementieren wird.

Das alles waren aber nur die Vorbereitungen zur eigentlichen Beerdigung. Die erfolgte gestern (11.01.11) mit Googles Ankündigung H.264-Unterstützung aus Google Chrome zu entfernen. Damit werden laut aktuellen Statistiken aber Mitte des Jahres (den Rausschmiss von H.264 aus Chrome, die Releases von Firefox 4 vorrausgesetzt) der Großteil der bei den Nutzern installierten Browser WebM, aber nicht H.264 unterstützen. Safari wird zu diesem Zeitpunkt der einzige Browser (mit nennenswerter Verbreitung) sein, der WebM nicht unterstützt.

Einige Informierte werden jetzt mit dem Argument kommen, dass WebM mit Sicherheit auch bald mit Patentverletzungen bombardiert werden wird. Vermutlich richtig, aber ich denke Google wird sich das Ding sicher nicht ans Bein gebunden haben, ohne über so etwas genug Gedanken verschwendet zu haben.

Die anderen werden sagen, dass WebM gegenüber H.264 gewaltig im Hintertreffen ist. Das mag ebenso wahr sein, zumindest in einigen Fällen, aber bevor x264 aufgetaucht ist war H.264 zu encodieren auch nicht gerade ein Spass für die ganze Familie. WebM wird wachsen und die Liste der Unterstützer läßt mich optimistisch sein.

Der Beerdigungskaffee

Viele mögen es nicht gut finden das Google diesen Weg geht, vielleicht weil sie vor kurzem ihr komplettes Video-Archiv auf H.264 umgestellt haben, oder weil sie ein scheißteures iPhone gekauft haben und damit bald kein Youtube mehr schauen können (Bitte Ruhe bewahren liebe Fanboys, alles nur Spaß). Wiederum andere werden den Tag kaum erwarten können, an dem das H.264-freie Release von Chrome übers Auto-Update geflogen kommt. Veränderungen sind in den meisten Fällen mit Schmerzen verbunden, und auch diese wird einigen weh tun, aber manchmal sind die Schmerzen es einfach wert getragen zu werden.

WebM mag nicht der Weisheit letzter Schluss sein, ich sehe WebM eher als einen Start in ein besseres, freieres Netz, und vielleicht auch als einen Anreiz für andere freie Codecs zu produzieren.

Wie auch immer, ich finde heute ist ein guter Tag für das Netz, seine Benutzer und vor allem für die freie Verbreitung von Inhalten. Punkt.

20 Gedanken zu „Google begräbt H.264 (im Internet)

  1. Thomas

    Ordentlicher Artikel! Sehr schön gemacht.

    Ich bin deiner Meinung. Manchmal muss man die technisch bessere Lösung aufgeben, um die gesellschaftlich bessere Lösung auf den Weg zu bringen.

  2. ben

    Ich danke dir für diesen Artikel und soweit ich das sehen kann ist alles richtig 😉
    Ich freue mich auch auf eine offenere Zukunft. Ich frag mich nur, warum Youtube auf H.264 umgestellt wurde, jetzt müssen sie weitermachen und alles neu auf WebM codieren? Sicher ein Projekt was einige Minuten in Anspruch nehmen wird.
    die Google Leute lassen sich auf jeden Fall was einfallen, sehr schön 🙂

    VLG Ben

  3. Robert

    Und für h264 wird dann der Flashplayer herhalten müssen. Ich weiß nicht ob uns das in zukunft so viel weiterhilft. Den viele werden bei h264 bleiben.
    Wer außer Google(Youtube) verwendet denn bis jetzt im laufendem betrieb webm. Ich meine nicht die Browser sondern Videoseiten. Die Zukunft wird es zeigen.

  4. zero Beitragsautor

    @Robert: Klar, auf die 10% der Benutzer die WebM unterstützen, nämlich die Nutzer von Chrome und Opera, will sich natürlich zur Zeit niemand einlassen. Aber wenn FF4 draußen ist, wären wir bei ~60% WebM-fähigen Browsern. Dann sieht die Sache doch etwas anders aus, zumal H.264 bei weitem nicht an diese 60% heranreichen wird.

    Niemand spricht davon das dieses Jahr alle auf WebM springen werden, aber die Zukunft gehört freien Codecs.

  5. Keba

    Hallo

    Google zeigt mal wieder, dass sie nicht böse sind. 😉 Man bekommt relativ leicht große Unterstützer (Firefox), wenn man etwas „freies” erstellt. Natürlich nur zum Zweck um Vorteile gegenüber Microsoft und Apple zu haben, aber das ist mir egal. MS und Apple können gerne eine ähnliche Politik fahren, kann für uns nur besser werden 🙂

    Youtube sehe ich allerdings als Problem, ich bezweifel, dass Google es sich leisten kann/will auf die Mac- und Iphone-Nutzer zu verzichten, da sitzt Apple (noch?) am längeren Hebel. Vielleicht kann man da aber auch nette Verhandlungen erwarten. Oder Google droht damit, dass bald auf jedem Iphone und jedem Mac nen Chrome laufen wird, wenn Apple nicht WebM unterstützt 😛

    Grüße, Keba.

  6. zero Beitragsautor

    @Keba: Wenn Youtube H.264 nicht unterstützen würde hätte Apple nie Flash rauswerden können. Aus der Richtung sieht die Welt schon wieder ganz anders aus…

  7. Roxxor

    Also in Sachen iPhone werden Apple und Google eine Lösung finden, da das alles über eine App läuft. Wenn Google Apple entsprechend unter Druck setzt muss Apple da auch mitspielen. iPhone und iPad ohne YouTube? Dann haben Android und Blackberry den Kampf auf dem Smartphonemarkt schon entschieden 😀
    Auf Macs gibt es auch den Firefox und Opera. Ich meine dass Google es mit einer aggressiven Strategie über YouTube schaffen könnte sehr viel im Browsermarkt zu bewegen.

  8. Yoshi

    Wer Fehler findet soll sie korrigieren? Mach ich doch glatt, denn es heißt „BluRay“, nicht Blue-Ray 😉

  9. zero Beitragsautor

    @Yoshi: fast richtig: „Blu-ray“, ist die richtige Bezeichnung, und da lag ich nur 1,5 Buchstaben daneben 😀

  10. adun

    Was bei dem Artikel fehlt ist zumindest ein Halbsatz zu MPEG LA. Denn das ist keine von den anderen Beteiligten unabhängige Organisation, die sich einfach mal dachte „geistiges Eigentum“ für H.264 einzusammeln.

  11. zero Beitragsautor

    @adun ich finde mein Halbsatz „die Firma die sich um das Eintreiben von Lizenzgeldern für den Großteil der MPEG-Codecs kümmert“ trifft es ganz gut, oder hab ich da was falsch verstanden?

    Ok, kam könnte noch erwähnen, das es ohne eine solche Organisation einen Codec wie H.264 gar nicht gäbe, da dieser sich aus mehreren Patenten zusammensetzt, aber am Ende ist das auch wieder nur eine verkomplizierte Version von „die sammeln das Geld und verteilen es an die Patenteinhaber“.

  12. 7ero

    Das Problem ist nur, dass die wenigstens Smartphones WebM Hardwareunterstützung haben
    (H264 haben die meisten). Softwarebasierend geht zwar auch, allerdings eher schlecht.

    Daher müsste man sich ein neues Gerät kaufen, wenn sich WebM durchsetzt.

  13. Lioman

    Ich denke, dass Google noch weiter anziehen soll und bei youtube nur noch webm anbieten soll. Allerdings erst wenn Firefox 4.0. draußen ist und somit viele Browser webm unterstützen. Die paar macerianer kann man links liegen lassen – bzw. so Druck auf Apple aufbauen, dass webm auch in den Mobilgeräten eingebaut wird. Tut Apple das nicht wird das Android nur stärken.

    Aber es wird erst interessant werden wenn FF 4 draußen ist.

  14. Besucher

    Vielleicht ist das dann endlich mal ein Codec der sich für Langzeitarchivierungen (>20Jahre) eignet da offen. Danke für diese wichtigen Infos.

  15. Zaidira

    @ben: Google hatte eine Umstellung auf WebM ja schon länger geplant. Bei der Ankündigung, den WebM-Codec freizugeben, gab Google auch schon direkt bekannt, alle bestehenden Youtube-Videos in WebM zu konvertieren (die wurden bislang nämlich in der Flash-Version häufig (immer? bin da nich hundertprozent sicher) in h.264 kodiert) und alle neuen Videos direkt in h.264 und WebM zu hinterlegen. Und wenn eine Firma auf der großen weiten Welt die Rechenpower für sowas hat, dann Google.
    Naja, jetzt scheinen die fertig zu sein oder zumindest das Ende absehen zu können.

    Und wer skeptisch is gegenüber dem neuen Web-Video Standard is, der hat das Internet nicht verstanden. Wie u.A. Google immer betont: Das Internet (also nich die Technik, sondern der Inhalt, besonders in seiner Anfangszeit) wurde nicht von irgendwelchen Firmen „erfunden“, sondern war von Anfang an eine offene Platform.

  16. Mika.B

    Vieles wird leider immer zum Thema teilweise Falsch oder verzerrt Dargestellt.

    Die wenigsten kennen leider die wirklichen Lizenzbedingungen der MPEG LA.
    Nach diesen können sie schon heute Rechte und Lizenzgebühren an jedem mit h.264 erstellten Film anmelden und Verlangen der “Kommerziell” Verwertet wird!
    Hier ein guter Artikel dazu:
    http://www.photoscala.de/Artikel/Filmen-mit-H264-kommt-gut-kann-teuer-kommen

    Dies bedeutet rechtlich auch an einen selbstgedrehten Film mit einer HD Kamera die H.264 verwendet, der auf einer Webseite oder Blog eingebunden wird, als Kommerziell reicht zb. Werbung oder ein Flattr Button .
    Einige sollten sich daher vielleicht einmal die Lizenzbedingungen ihrer Kamera ansehen zb. bei der Canon 5D.

    http://linuxundich.de/de/ubuntu/schuster-bleib-bei-deinen-leisten-mit-hobby-equipment-darf-nur-amateurhaft-gearbeitet-werden/

    Es wird leider immer nur Google gegen Apple oder die Codec Qualität diskutiert und Geblockt, ohne auf die wirklichen „Gefahren“ einzugehen welche fast jedem durch die h.264 Lizenzbedingungen der MPEG LA drohen!

    Zur Zeit gibt es, wohl aus taktischen Gründen noch keine strikte Durchsetzung der Lizenzbedingungen oder Abmahnungen , dies könnte sich aber jederzeit Ändern.
    Daher ist ein Freier VP8/ WebM Codec für alle sehr Wichtig, auch das dieser in der Hardware wie Filmkameras Implementiert wird , damit der Amateur oder Hobbyfilmer wieder die vollständigen Rechte an seinen Film besitzt.

  17. Luftbett

    Also mir ist es eigentlich Pott wie Deckel in welchen Format ich meine Videos kodieren muss, solange sie nur kostenlos sind und die Qualität/Größe nicht schlechte Werte annimmt. Heut zu Tage sollte es ja nicht mehr darum gehen wer den besseren Rechner hat, sondern welcher am Effizientesten eingesetzt wird.

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